Donnerstag, 13.12.2018

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Expressive Klangfülle und kompromisslose Radikalität


Der Komponist Gerhart Schäfer im DTKV-Manuskriptearchiv

Am 30. September feierte der mit verschiedenen Werken im DTKV-Manuskriptearchiv vertretene Komponist Gerhart Schäfer seinen 75. Geburtstag. Durch seinen Vater, den Komponisten Karl Schäfer, erfuhr Gerhart Schäfer umfangreiche musische Förderung und Prägung, so dass sich neben Violin-, Viola- und Klavierunterricht wie ersten beachtlichen Kompositionsentwürfen auch eine besonders intensive Liebe zur Literatur, speziell zur deutschen klassischen Literatur und zur Lyrik des Expressionismus, entwickeln konnte.

Der in Bamberg geborene Komponist verbrachte ab 1936 eine kurze Zeitspanne in Bayreuth; ein weiterer Ortswechsel führte die Familie 1938 nach Osnabrück, wo der Vater die Stelle des Konservatoriumsdirektors übernahm. Schäfers kompositorische Begabung manifestierte sich nach 1940 immer deutlicher: Sein an klassischen Vorbildern orientiertes Streichtrio aus dem Jahr 1943 trug ihm erste öffentliche Anerkennung ein.

Nach Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft legte Schäfer Ende 1947 das Abitur ab und absolvierte ein Studium in den Fächern Komposition, Musiktheorie, Violine und Viola an der Musikhochschule Detmold. Seinem Lehrer Wilhelm Maler verdankt der Komponist gründliche satztechnische Unterweisung und eine Fülle wertvoller Anregungen, speziell im Hinblick auf formale und strukturelle Gestaltungsmöglichkeiten.

Nach pädagogischen Tätigkeiten in Osnabrück und Leverkusen übernahm Schäfer 1966 in Dortmund eine Dozentur für die Fächer Komposition und Musiktheorie am dortigen Städtischen Konservatorium. 1974 erfolgte die Ernennung Schäfers zum Professor an der Musikhochschule Detmold, Abteilung Dortmund.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 1986 übersiedelte der Komponist aus gesundheitlichen Gründen nach Norddeutschland.

Schäfers kompositorische Entwicklung vollzog sich in den Jahren 1948 bis 1950 primär unter dem Eindruck der Werke Hindemiths, Bartóks und Strawinskys. Trotz der Vorbildfunktion dieser Komponistentrias entstanden schon damals Werke von ausgesprochener Eigenart und unverwechselbarer Charakteristik, Wesensmerkmale, welche auch unter der Auseinandersetzung mit dem OEuvre der Protagonisten der Neuen Wiener Schule Schäfers sich nunmehr deutlich wandelnden Kompositionsstil nachhaltig prägten.

Im Jahr 1952 erregte Gerhart Schäfer anlässlich eines Konzerts im Rah-men der Tagung der Gesellschaft für Neue Musik und Musikerziehung Aufsehen mit seinem 1951 entstandenen Streichquartett (Uraufführung durch das Kölner Hochschulquartett; Einstudierung Maurits Frank), dessen kompromisslose Radikalität die Fachwelt aufhorchen ließ.

Etwa ab 1952 vollzog der Komponist eine außerordentlich gelungene Synthese aller vorherigen Eindrücke: Bei insgesamt moderaterem, freitonal bis atonalem respektive dodekaphonem Klangbild greift Schäfer auf eine an der Klassik orientierte, motivisch-kontrapunktische Verarbeitungstechnik und formale Gestaltung zurück. Das 1953 komponierte, 1954 durch Helmut Winschermann und das Osnabrücker Sinfonieorchester (Ltg. Bruno Hegmann) uraufgeführte, preisgekrönte Oboenkonzert sowie das von dem Kölner Klarinettisten Franz Klein initiierte, von Jost Michaels als Ursendung 1957 am WDR zur Aufführung gebrachte Klarinettenquintett dokumentieren nachdrücklich Schäfers stilistische Wandlung.

Im Laufe des Jahres 1959 begann eine erneute intensive Beschäftigung des Komponisten mit den Möglichkeiten dodekaphoner Techniken. Schä-fers erster Klavierzyklus aus diesem Jahr kündigte eine Rückkehr zur strengen Zwölftontechnik an, welche eine gewisse Auflockerung erfährt durch „Verwendung mehrerer Reihen unter Beibehaltung motivisch-thematischer Bindungen. Grundlage dieser Schreibweise ist die Verbindung der Elemente Thematik- Bewegung-Farbe, wobei sich diese einzelnen Elemente durchaus verselbstständigen können.“ (G. Schäfer)

Mit gewissen Modifikationen konstituieren diese vorgenannten Parameter den Kompositionsstil Gerhart Schäfers bis zum heutigen Tage.

Das Werk „Reflexionen“ für Flöte, Violoncello und Klavier aus dem Jahr 1966 spiegelt Schäfers vielschichtige Beziehungen zu überkommenen Formen und Kompositionstechniken wider. Sowohl Fuge wie Sonate, frei gestaltete, fantasieartige Abläufe, Entwicklungsvorgänge durchaus im klassischen Sinne wie auch barocke Fortspinnungstechniken werden mit einem äußerst differenzierten atonalen Klangbild verwoben, dessen strukturelle Basis sich stets aus mehreren dodekaphonen Reihen zusammenfügt. Weit gespannte melodische Bögen mit großräumigen, dramatischen Steigerungen, lyrische Innerlichkeit, Leichtigkeit und Transparenz von Satzstruktur und Klang wie auch komplexe klangliche Verdichtungen und komplizierte rhythmische Gestaltungsvorgänge zeichnen das sich im polaren Spannungsfeld von Lyrik und Drama bewegende Werk „Espressioni“ (1960) für Viola und Klavier aus. Neben der Ursendung dieser Komposition durch Radio Brüssel II sei insbesondere auf eine Rundfunkaufnahme des WDR mit dem Bratschisten Rainer Moog verwiesen.

Schäfers zweiter Klavierzyklus, 1974 von Herbert Henck für den WDR eingespielt, verdeutlicht einen bereits oben genannten Aspekt seiner Kompositionstechnik, welcher eigentlich für alle nach 1959 entstandenen Werke in unterschiedlich starker Ausprägung Gültigkeit besitzt: Sowohl motivische wie punktuelle, aber auch jazzartige Rhythmik sind die extremen Pole der Bewegungsvorgänge, wobei Virtuosität ausschließlich als Ausdrucksmittel und nicht als hohle Äußerlichkeit verstanden wird.

In Schäfers „Diamorphosen“ aus dem Jahr 1968, uraufgeführt durch das Philharmonische Orchester Dortmund, “haben die beiden schnellen mittleren Sätze … Episodenfunktion gegenüber der strengen Faszination, die von den Adagio-Rahmensätzen ausgeht. Das sind altmeisterlich streng gewobene Strukturen, verhaltene Gesten der Trauer, fragende Gebärden, Äußerungen eines gekühlten Schauderns, Klangschichtungen und Klangverschränkungen, denen es bei aller Intensität des Ausdrucks nicht an einer gewissen Feininger-Transparenz fehlt.“ (Manfred Böhmer in der Neuen Osnabrücker Zeitung anlässlich der Erstaufführung in Osnabrück). Das 1975 auf Anregung des Dirigenten Werner Seiss komponierte einsätzige Orchesterstück „Permutationen“ (Ursendung Radio Bremen, Nordwestdeutsche Philharmonie, Ltg. Klaus Bernbacher), eine Komposition von „expressiver Klang- und Ausdrucksfülle“ (Sonja Müller-Eisold), dokumentiert in ganz besonderer Weise Schäfers tiefe Bewunderung für das sinfonische Werk Anton Bruckners.

Passagen von lyrischer Innerlichkeit, groß angelegte dramatische Stei-gerungen, komplexe Akkordballungen in fast unerträglicher Intensität, eine häufig registerhafte Instrumentation erwecken deutliche Assoziationen an entsprechende kompositionstechnische Charakteristika des großen österreichischen Sinfonikers. Auf der Basis einer kompromisslosen und äußerst differenzierten dodekaphon-atonalen Tonsprache entwickelt der Komponist eine extrem breit angelegte Affektspanne zwischen Weltraumkälte, lyrischer Verinnerlichung, grenzenloser Verzweiflung, abgrundtiefer Schrecknis, tief verwurzelter Angst vor dem endgültigen Nicht-mehr-Sein. Wenngleich Schäfers Kompositionen immer und ausnahmslos im Geiste absoluter Musik zu verstehen sind und gehört werden wollen, so scheint man doch geneigt, diesem Werk gleichsam als Motto einige Zeilen aus den Duineser Elegien zu überstellen: „Wer, wenn ich schriee, hört mich denn aus der Engel/ Ordnungen und gesetzte selbst, es nähme/ einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem/ stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts/ als des Schrecklichen Anfang …“ (Rilke)

Schäfers im In- und Ausland oftmals von namhaften Solisten zur Aufführung gebrachtes Werk wurde mit dem Förderungspreis des Landes Niedersachsen ausgezeichnet; im Jahr 1956 erhielt er für sein Oboenkonzert den Musikpreis der Stadt Recklighausen. Alle deutschen wie auch etliche ausländische Rundfunkanstalten haben seine Kompositionen wiederholte Male zu Gehör gebracht. Ad multos annos!

Brigitte Schäfer-Schwartze

 

Quelle: NMZ 2001